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Zeitungsberichte
Siegener
Zeitung vom 05. November 1999
"Wo Blinde
noch eine Arbeit finden"
Betzdorf, an der
Hellerstraße 9. In der Blindenwerkstätte Betzdorf arbeiten 25
sehbehinderte Menschen. Fröhliche Radiomusik läuft im Hintergrund,
während der 27-jährige Daniel Neuhoff an der Werkbank
sitzt und im Akkord Besen und Bürsten herstellt. Daniel Neuhoff ist schwer
sehbehindert, einige seiner Kolleginnen und Kollegen sind völlig blind.
Kaum bekannte Einrichtung Schon seit
50 Jahren besteht nun die Blindenwerkstätte in Betzdorf, "aber viel zu
wenige Menschen wissen von ihrer Existenz", bedauert Geschäftsführer
Jürgen Röser. Bereits 1949 hatte sein Vater Heinrich Röser in
Siegen versucht, eine Blindenwerkstätte aufzubauen. Da der Kreis von
Förderern immer kleiner wurde und auch zu wenige Blinde das Angebot
annahmen, zog Heinrich Röser schon bald nach Betzdorf in die
Hellerstraße um. Hier gelang es ihm, einen relativ großen
"Kundenstamm" aufzubauen, doch finanzielle Probleme begleiteten das Unternehmen
lange Zeit, Zuschüsse vom Staat bekam die Firma nicht. Dennoch erwarb
Heinrich Röser 1963 das heutige Hauptgebäude der
Blindenwerkstätte (Hellerstraße 9) und kaufte 1978 das
Nachbargebäude. So wurde mit den Jahren eine moderne Produktionsstät
te aufgebaut, in der sich blinde und sehbehhinderte-Menschen mühelos
zurechtfinden können. Für sein Engagement wurde der inzwischen
verstorbene Heinrich Röser 1982 mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet. Bereits 1980 hatte er die Geschäftsführung seinem Sohn
übergeben.
Weitere neun Heimarbeiter
beschäftigt Heute arbeiten 25 blinde und sehbehinderte Menschen
in der Werkstatt, außerdem gibt es neun Heimarbeiter, denen das Material
für ihre Arbeiten einmal im Monat nach Hause angeliefert wird.
Natürlich sind auch einige Sehende beschäftigt, ohne die der Betrieb
nicht aufrecht zu erhalten wäre. Die meisten Beschäftigten kommen aus
einem Umkreis von 20 bis 25 Kilometer. In Rheinland-Pfalz gibt es nur noch eine
weitere Blindenwerkstätte, die sich in Koblenz befindet."Leider ist unsere
Produktpalette gesetzlich streng begrenzt", so Jürgen Röser. Nur
bestimmte Dinge, wie Bürsten, Wäscheklammern und Besen dürfen in
einer Blindenwerkstätte hergestellt werden. Die Produkte seien wegen der
Handarbeit teurer, dafür aber auch haltbarer, meint Jürgen
Röser. Seine Hauptkundschaft sei der Mittelstand, aber auch
Großunternehmen wie Daimler-Chrysler würden Besen und Handfeger
bestellen. Laut Gesetz müssen Unternehmen, die keine Behinderten
beschäftigen, hohe Ausgleichsabgaben zahlen. "Trotzdem scheuen sich
Betriebe, Behinderte einzustellen", beklagt sich Röser: "Grund dafür
ist, dass Behinderte beinahe unkündbar sind." Doch wenn Firmen bei der
Blindenwerkstätte Waren kaufen, können sie einen Teil der
Ausgleichsabgabe sparen.
Strenge gesetzliche
Auflagen
Um auch andere, nicht blinde
Behinderte beschäftigen zu können, gründete Jürgen
Röser 1995 mit drei weiteren Teilhabern den "Vertrieb durch Behinderte"
(VdB oHG), der sich ebenfalls in der Hellerstraße befindet.
Die Produktpalette des Vertriebs kann frei gewählt werden, da
nicht so strenge gesetzliche Auflagen wie bei der Blindenwerkstätte
bestehen. Der VdB kauft Handelswaren, z. B. Papierwaren und
Reinigungstextilien, diese werden sortiert, gezählt, verpackt und
versandt. Nicht behinderte Außendienstmitarbeiter vertreiben die Ware,
Abnehmer finden sich in ganz Deutschland. Im Büro des Vdb herrscht eine
lockere Atmosphäre: Es vergeht kaum eine Minute, in der nicht herzhaft
gelacht wird. Bürogehilfin Andrea Simon, die seit Jahren an den Rollstuhl
gefesselt ist, sorgt dafür dass die Auftrags- und Rechnungsabwick
reibungslos verläuft. Die Buchung übernimmt die 29-jährige
Kerstin Schäl, die ohne Beine zur Welt kam, ihr Arme enden als Oberarme.
"Dysmelie
nennt sich diese Missbildung in der Fachsprache".
Bewundernswerter Mut
Doch Kerstin
ließ sich von ihren Schicksal nicht unterkriegen: Sie macht eine Lehre
als Industriekauffrau und wurde nach langer Arbeitsplatzsuche bei der VdB
eingestellt. Mühelos schreibt sie mit ihren Armstümpfen auf der
Computertastatur holt Ordner aus dem Schrank und führt
Telefongespräche. Sogar einen Führerschein besitzt sie. Allerdings
würde es rund 75.000,00 kosten, einen Wagen für
sie behindertengerecht umzubauen, deshalb muss sie mit dem Taxi zur Arbeit
kommen. Vom Kampf mit den Behörden kann Kerstin Schäl ein Lied
singen: Ein höhenenverstellbarer Rollstuhl werde ihr weder vom Arbeitsamt
noch von der Krankenkenkasse bezahlt, bedauert sie. Doch sie bemüht sich,
ein weitgehend "normales Leben zu führen: "Ich gehe auch hin und wieder
ganz gerne in die Disco", verrät sie. Von ihren Kollegen wird Kerstin
Schäl für ihren Mut und ihre Fröhlichkeit bewundert.
Um auf dem immer mehr durch
Telekommunikation gesteuerten Markt mitzumischen, ging Jürgen Röser
jetzt "online". Unter der Internetadresse http://www.bws-betzdorf.de kann man nun auch mit
der Blindenwerkstätte kommunizieren, die VdB sei bald unter der Adresse
http//www.vdb-betzdorf.de zu
erreichen, so Röser.
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